oder Wann ist es eigentlich genug?

„An dem Punkt wäre ich auch gerne. Da komm ich nie hin.” Immer wieder berichten mir Kundinnen oder Freundinnen von anderen, die cool und erfolgreich sind. Mit leuchtenden Augen beschreiben sie, wie mühelos diese ihr Geld verdienen, wie groß und smart ihre unternehmerischen Schritte sind, was für tolle Sachen sie machen, wie viele Kunden sie haben, wie locker sie Beruf und Familie vereinbaren … Sie verdienen genug Geld. Sie sind erfolgreich. Sie sind nie krank …

Nichts gegen Vorbilder. Nichts dagegen, sich inspirieren zu lassen. Es ist wunderbar, Menschen zu sehen, die etwas geschafft haben, und zu spüren „Das wünsche ich mir auch. Da will ich hin” – Jemand, der Ihnen voraus ist, kann Ihre Sehnsucht beflügeln und Ihnen Energie geben. Sie sehen, was möglich ist und was Sie sich insgeheim wünschen. Wunderbar, wenn Sie gleichzeitig würdigen können, wer Sie heute sind.

Leider ist das Lob der anderen aber häufig von Selbstabwertung begleitet. „Ich bin ja nicht so gut. Irgendetwas mache ich nicht richtig. Ich habe ja schon immer auf die falsche Karte gesetzt …” Schwarz-Weiß-Denken macht sich breit. Der anderen fällt alles leicht. Ihr ist der Erfolg quasi über Nacht in den Schoß gefallen – man selbst leider ein Unglücksrabe, dem so was nie passiert. Eine andere Variante: Die andere ist mit Schönheit, Klugheit, Geschick, unternehmerischem Standing, Selbstbewussstein usw. gesegnet – man selbst leider hat von allem zu wenig und wird daher nie dort ankommen.

Ewig schneller, höher, weiter?

Wie weit ist genug? Machen Sie es falsch oder sind Sie vielleicht nur anders, haben ein eigenes Tempo, eigene Wege – und das ist auch okay?

Es gibt keinen absoluten Maßstab für unternehmerischen oder für Lebenserfolg. Kein Genug, das von außen gesetzt ist, keinen Chef, der Ziele setzt, keinen absoluten Bewerter, der misst, ob Ihr Tempo das Richtige ist, und das, was Sie erreicht haben, genug.

Sie selbst sind eingeladen, Bewertungskriterien zu finden. Sie selbst sind herausgefordert, im Wissen darum, dass immer mehr geht, zwischendurch anzuhalten. Sie werden sich sonst immer gejagt fühlen. Denn ich schwöre Ihnen: Sie finden immer jemanden, der ein Stückchen weiter ist als Sie. Wer nicht eine Form der Selbstansprache findet, das zu würdigen, was da ist UND sich neue Ziele zu setzen, fühlt sich wie in der Geschichte von Hase und Igel. Der andere ist immer vor Ihnen da.

Natürlich gibt es Notwendigkeiten: Ihr leeres Bankkonto, die Kosten, die gedeckt sein wollen, die finanziellen Wünsche, die Sie haben.

Es gibt Visionen, Ziele, Ideen, die Sie verwirklichen möchten. Im besten Fall sehen Sie an den anderen, die es „geschafft” haben, dass es möglich ist. Und lassen sich Ihr eigenes Tempo, den gleichen oder einen anderen Weg zu gehen. Von den anderen können Sie interessante Impulse bekommen, und lernen, welche Strategien hilfreich sein könnten

Oft fallen wir aber leider Projektionen zum Opfer. Wissen Sie, welchen Preis die zahlt, die scheinbar so mühelos erfolgreich ist? Was Sie alles getan hat und tut, um so zu glänzen? Welche Kämpfe sie auszufechten hatte? Und was sie nicht sagt?

Noch etwas sollte Sie gnädig sein lassen mit sich selbst: Menschen starten nicht am gleichen Ausgangspunkt. Je nachdem, in welche Lebensumstände Sie geboren wurden, hatten Sie einen völlig anderen Weg zurück zu legen, um am gleichen Punkt anzukommen wie jemand anderes. Wenn Sie liebevoll mit sich sind, erkennen Sie an, was Sie alles leisten mussten, um da zu stehen, wo Sie heute stehen. Wäre es schneller, leichter und müheloser gegangen und hätten Sie darum gewusst, hätten Sie sicher einen anderen Weg gewählt. So aber blieb Ihnen nichts anderes übrig, als das Päckchen zu bewältigen, das Ihnen mitgegeben wurde.

Würdigen Sie sich selbst. Wollen Sie sich nicht ewig gejagt und gehetzt fühlen, gilt es, sich als „auf dem Weg” zu betrachten. Es geht darum, sich nicht abzuwerten für das, was Sie noch nicht erreicht haben, sondern genau da stehen zu dürfen, wo Sie jetzt gerade sind. Sich an dem zu erfreuen, was da ist. Das gibt Kraft für alles Weitere und beflügelt die Lust am weiteren Gehen.

 

Astrid Hochbahn

www.berufswegberatung.de